Einfach Planlos. Zumindest für jetzt.

Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, höre ich die wunderbare Stimme eines Ausnahmesängers und Songwriters. Er hat mich in letzter Zeit nicht nur durch seine grandiose Stimme und die Texte beeindruckt. Seine Geschichte ist alltäglich und außergewöhnlich zugleich. Ich bin durch eine Reportage des TV-Senders ARTE auf ihn aufmerksam geworden.

Benjamin Clementine, so heißt dieser Künstler, war lange Zeit obdachlos. Er spielte auf den Straßen von Paris und in der U-Bahn, um etwas Geld zu verdienen.

Ein Satz von ihm hat mich besonders berührt. Auf die Frage, warum er singt und ob er mit diesem Erfolg gerechnet hatte, antwortete er:

Ich habe angefangen zu singen, weil ich keine andere Wahl hatte. Ich musste mir etwas zum Essen kaufen. Ich musste irgendwie überleben. Ich hatte absolut keinen Plan.

Uns dem Leben einzufügen und etwas Größerem die Kontorolle zu übergeben, ist oft die einzige Möglichkeit, die uns bleibt. Und nicht so selten ist das auch der beste Plan.

Passanten haben Benjamin Clementine gefilmt und diese Videos auf YouTube veröffentlicht. Schließlich wurde ein Manager auf ihn aufmerksam und alles andere nahm seinen Lauf.

Heute spielt Benjamin Clementine auf internationaler Bühne.

Seine Musik ist sehr bodenständig. Durch seine Stimme hörst du seine Dankbarkeit und Demut dem Leben gegenüber. Er weiß, woher er gekommen ist.

Egal wie weit du gehst, am Ende kommst du wieder nach Hause.

Ohne Plan durchs Leben gehen?

Ich frage mich, ob das der Weg ist? Wie ist das in unserer heutigen Gesellschaft überhaupt möglich?

Ich muss bestimmte Dinge planen. Zum Beispiel morgens meinen Bus zu bekommen, pünktlich meine Termine wahrzunehmen oder mich mit meinen Mitmenschen abzustimmen.

Ich kann auch eine gewisse Planlosigkeit in meine Pläne einfließen lassen.

Planlosigkeit einplanen?

Ich weiß, es klingt paradox. Diese Planlosigkeit hat nichts mit Unordnung, Untätigkeit oder "Leck-mich-am-Arsch-Mentalität" zu tun. Diese Planlosigkeit ist eine kreative Leere

So schaffst du einen Raum, in dem sich das Leben ausbreiten und entfalten kann. Genau so wie bei Benjamin: Er hat geplant, jeden Morgen in die U-Bahn zu steigen, um dort Musik zu machen. Er hat sein Instrument aufgebaut, sich hingestellt und einfach gespielt. Alles andere geschah einfach. Und zum Teil ohne sein Wissen. Ganz ohne Plan.

Es heißt immer so schön: Mit dem Leben im Einklang zu sein! Es fließen zu lassen.

Ja, das Leben ist in der Tat wie das fließende Wasser. Es fließt und findet immer seinen Weg. Es verbirgt alle denkbaren Möglichkeiten in sich. Auch die, die wir uns nicht vorstellen können und nicht auf dem Plan haben.

Die Geschichte der Menschheit zeigt uns immer wieder, dass viele Dinge einfach durch "Zufall" entstehen, völlig ohne Plan.

Eine strenge und sture Planung dämmt die Kreativität und lässt keinen Raum für spontane Lösungen. Sie schränkt ein. Sie macht starr. Sie lähmt.

Wenn du etwas streng planst, übernimmt die Planung die Macht und Kontrolle über dein Tun. Eine Planung ohne den Raum für Planlosigkeit dämmt den Zauber des Lebens ein und nimmt dir die Freude am Sein.

Und wenn etwas geschieht, was in der Planung nicht vorgesehen war, dann bricht erst recht das Chaos aus.

Benjamin fühlt sich heute noch auf der Bühne, als wäre er auf der Straße oder in der U-Bahn. Er spielt barfuß Klavier und singt leidenschaftlich. Genau so wie damals in der U-Bahn.

© Bild von VIRGIN EMI