2 Jahre Leben in Peru

Hast du jemals daran gedacht einfach mal für eine bestimmte Zeit raus in die Welt zu fahren und etwas Neues zu sehen? Deinen Horizont zu erweitern und zu sehen, wie das Leben auf einem anderen Fleckchen der Erde so läuft?

Wenn ich mein bisheriges Leben so von außen betrachte, kann ich mit Sicherheit sagen, dass 2011 das schönste, intensivste und lehrreichste Jahr war, welches ich bisher so hatte. Schuld daran ist mein Schritt ins Ausland gewesen, genauer gesagt nach Peru. Nach fast 3 Jahren Büroarbeit wusste ich, dass ich alles wollte, nur das nicht. Ich wollte einfach mal raus, was anderes sehen als das, was ich in- und auswendig kannte. Ich wollte wissen, wie die Menschen woanders auf der Welt leben, was sie essen, was sie beschäftigt und glücklich macht. Aus einem geplanten halben Jahr wurden schließlich 2 Jahre.

In den 2 Jahren habe ich viel ausprobiert und mich mit dem beschäftigt, was ich eigentlich machen will. Es waren auf jeden Fall 2 sehr lehrreiche Jahre, und zurück in Deutschland habe ich schnell gemerkt, dass es uns zwischenmenschlich hier an einigem fehlt. Und die wir uns von den Peruanern vielleicht einfach abgucken sollten.

1 Neugierde

Egal in welchem Taxi ich saß, oder ob ich Bus gefahren bin, wann immer sich die Möglichkeit für einen kleinen Plausch ergeben hat, wurde ich neugierig gefragt woher ich komme, wie ich heiße was ich in Peru mache.

Aus Deutschland? Oh, da ist es richtig kalt, oder?

War meistens die erste Reaktion, die ich bekommen habe. Die Leute waren unglaublich freundlich, alle waren neugierig zu wissen, wie es sich in Deutschland so lebt oder was man isst. Ich kann mir vorstellen, dass hier in Deutschland die wenigsten Leute einen Ausländer freundlich fragen, woher er kommt und sich darüber freuen, dass auch seine Eltern bald mal vorbeikommen um Deutschland kennenzulernen.

Die Peruaner haben einen sehr ausgeprägten Nationalstolz. Sie lieben ihr Land, ihre Kultur, ihr Essen und ihre Geschichte. Aber sie haben keine Angst, dass es Ihnen jemand wegnimmt. Und das, auf einem Kontinent, der geprägt ist von Kolonialisierung, Ausbeutung und europäischer Abzocke. Durch Zufall habe ich zum Beispiel bei einem Spaziergang eine ältere Dame kennengelernt, die mich daraufhin zu sich eingeladen hat. Auf Kaffee und Kuchen, leckerem Saft aus dem Amazonas und um ein bisschen was über Deutschland zu erfahren. Einfach so.

2 Familie

Mich hat beeindruckt, wie wichtig Familie für die Peruaner ist. Ständig wird sich getroffen, und wenn man von einem Familientreffen spricht, dann rede ich nicht von 5 bis 10 Leuten. Nein, da kommen noch Tanten, Großcousinen mit ihren Kindern und Vetter dritten Grades mit dazu. Und es ist völlig selbstverständlich, dass der Opa nicht in ein Pflegeheim gebracht wird. Irgendjemand findet sich immer, der sich um ihn kümmern kann. Das mag sicherlich auch am (fehlenden) Geld liegen. Aber ich glaube, dass der Zusammenhalt in der Familie im Schnitt dort deutlich stärker ist, als bei uns.

3 Einsamkeit

In Peru ist es absolut unmöglich wirklich allein zu sein. Egal wohin du gehst oder was du tust, du kommst immer in ein Gespräch mit jemandem. Sei es die Marktfrau, der Nachbar oder einfach irgendjemand, der sich am Strand zu dir gesetzt hat. Das kann einem manchmal auf die Nerven gehen. Oder man akzeptiert einfach, dass man seine Privatsphäre zu Hause genießt und draußen mit Leuten redet.

4 Höflichkeit

Wann ist mal jemand aufgestanden, als du in den Bus gekommen bist um dir seinen Platz zu überlassen?

Eben. Für mich hat sich vorher auch noch nie jemand hingestellt. In Peru sind aber viele Jungs so erzogen, dass sie den Mädels Platz machen. Ja, irgendwie nicht emanzipiert, das stimmt schon (- das Thema Emanzipation und Peru ist ohnehin ein Fall für sich). Neben Frauen wird vor allem aber für ältere Menschen Platz gemacht, und zwar sofort und ohne Murren und Knurren. Während manche Omis hier in der U-Bahn vergeblich auf einen Sitzplatz warten, weil alle viel zu sehr damit beschäftigt sind ihren Facebook Status zu aktualisieren.

5 Zufriedenheit

Dieser Artikel hat mich vor Kurzem mal wieder an die Zeit erinnert, als ich in Peru gesehen habe, wie glücklich Menschen sein können, obwohl sie nicht viel haben.
So zum Beispiel einige meiner peruanischen Freunde, die Geschäfte in Peru besitzen. Anstatt immer höher, schneller, weiter zu streben, sind sie mit ihrer kleinen Surfschule zufrieden. Statt sich fette Sponsoren zu suchen, sich Websites und Facebook-Seiten aufzubauen und ihr „Business aufs nächste Level zu bringen“, gehen sie lieber erstmal morgens selbst surfen. Schließen danach ihr Geschäft auf, Arbeiten ein bisschen. Machen Siesta. Arbeiten wieder ein bisschen und gehen dann mit ihren Freunden ein Bierchen trinken. „Pura vida“ würde man sagen, „man, haben die es gut“. Das es uns aber genauso entspannt gehen könnte, aber wir immer mehr, mehr, mehr wollen, das möchte hier eigentlich niemand hören. In dem weiter oben erwähntem Zeit-Artikel, beschreibt Patrick Spät das„”Zieleinkommen”. Damit bezeichnen Wirtschaftswissenschaftler folgendes:

Die Menschen schuften gerade so viel, bis sie alles haben, was sie zum Überleben brauchen. Dann lassen sie den Hammer fallen, entspannen sich und freuen sich des Lebens.

Noch ein Punkt, den wir uns übrigens von den Peruanern abschauen könnten: Sich des Lebens freuen. Mehr Musik hören, häufiger tanzen. Mit fremden Menschen sprechen. Neugierig sein.

Und andere damit anstecken.

Hast du in anderen Ländern ähnliche Erfahrungen gemacht? Wo warst du und was hast du dort erlebt?