Perfektionismus - Wenn gut nie gut genug ist

Mein Blog-Projekt. Ein Spiegel für alles, was ich mach. Ich arbeite seit Anfang des Jahres daran und will ein perfektes Ergebnis präsentieren. Ja, ich bin ein Perfektionist. Um alles richtig zu machen und Fehler zu vermeiden, installiere ich eine Software in meinen Kopf. Sie heißt Perfektionismus und ist von meinem Ego programmiert.

Sobald man einen Moment als perfekt erlebt, kann der nächste Moment nur ein Rückschritt sein. (Christa Schyboll)

Jedes mal, wenn ich mit meinem Projekt fast fertig bin, prüft diese Software meine Leistungen auf Perfektion.

Immer wenn ich auf “Jetzt Starten” klicke, erscheint diese Fehlermeldung:

„Es ist nicht gut genug“.

Dann habe ich nur zwei Möglichkeiten:

Projekt abbrechen oder Projekt perfektionieren.

Perfektionismus ist ein Hamsterrad

Ich klicke natürlich jedes mal auf “Projekt perfektionieren”.

Die Software möchte mich bei Laune halten und motivieren. Deshalb zeigt sie mir ständig Bilder von besseren Ergebnissen und Endresultaten.

Sie zeigt mir auch Szenarien von Katastrophen und Misserfolgen, wenn ich keine perfekte Leistung liefern würde.

Das Ziel scheint irgendwie immer in meiner Reichweite zu sein. So fühle ich es zumindest.

Nur ein paar Schritte, nur dieses eine Buch lesen oder dieses Seminar besuchen, hier und da Informationen holen. Dann habe ich es bald geschafft!

Ich hole Luft, tanke noch mal Power und bearbeite zum 100. mal meine Texte, Bilder und das Aussehen der Website.

Ich klicke einmal mehr auf “Jetzt Starten”. Und dann erscheint wieder diese Fehlermeldung:

„Es ist nicht gut genug“
Projekt abbrechen oder Projekt perfektionieren.

Ich bin frustriert, müde und habe keine Lust mehr. Mein Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl kratzen am Boden. Ich bin geknickt!

Ich weiß, was passiert, wenn ich auf „Projekt perfektionieren” klicke. Ich will nicht mehr! Ich gebe auf. Ich kapituliere.

Ich wähle dieses mal „Projekt abbrechen“.

Es erscheint ein neuer Hinweis:

Welche Aussage trifft auf dich zu: (mehrfach Auswahl mäglich)

  • Ich bin ein Versager
  • Ich bin eine Angsthase
  • Ich bin nicht gut genug
  • Ich bin unvollkommen
  • Ich will nicht erfolgreich sein
  • Ich habe Angst, keine Anerkennung zu bekommen
  • Ich habe Angst, auf Wohlstand verzichten zu müssen
  • Ich habe Angst, nicht geliebt zu werden
  • Sonstiges (Feld für individuelle Eintragung )

Und darunter erscheinen 2 Möglichkeiten:

Möchtest du wirklich abbrechen? Oder das Projekt perfektionieren

Wer will schon ein Versager sein, denke ich einen Moment. Dann lieber ein Perfektionist! Ich schaue mir die Auswahl nochmal an.

Die Auswahl trifft nicht auf mich zu. Oder doch?

Ich klicke mit meiner letzten Kraft auf „Projekt perfektionieren“.

Ich will nicht als Versager, Angsthase und erfolgslos da stehen.

Die Software spielt wieder die Motivationsbilder. Die Bilder zeigen mir das Ziel, das ich bald erreichen werde. Mein fertiger Blog und meine Texte.

Morgen, dann wirst du es schaffen. Morgen ist es so soweit, flüstere ich mir leise zu.

Insgeheim weiß ich, dass diese Bilder Köder sind, denen ich ständig nachrennen werde, ohne etwas wirklich zu ende zu bringen.

So langsam habe ich das Gefühl, mich von meinem Traum zu entfernen.

In meiner Hoffnungslosigkeit erscheint plötzlich ein kleiner unauffälliger Hinweis in meinem Kopf. So ähnlich wie eine kleine Google-Anzeige am Rande des Bildschirms:

Kennst du: Gut reicht vollkommen!

Und daruntert ein Button:

Jetzt installieren

Ich bin irritiert. Ich lese die Anzeige noch mal:

Kennst du: Gut reicht vollkommen!

„Nur gut sein“, frage ich mich. Das reicht doch niemals! Ich habe sehr viel Arbeit, Zeit und Geld in meinen Perfektionismus investiert, und nun soll ich meinen Perfektionismus ablegen?

Ich lese die Anzeige noch mal. Dann spüre ich die Angst, die tief in mir steckt. Angst, Fehler zu machen und blöd dazustehen.

Die Angst lähmt mich.

Ich bin aber auch müde, Dinge zu Gunsten des Perfektionismus nie zu starten.

Aus Verzweiflung, nicht aus Überzeugung klicke ich auf:

Jetzt installieren.

Ich weiß nicht was geschieht, aber es fühlt sich gut an. Es erscheint ein Fortschrittbalken. Kurz vor dem Ende bleibt der Balken stehen.

Dann dieser neuer Hinweis:

Installation fertigstellen.

Und darunter:

Wenn du jetzt auf “Installation fertigstellen” klickst, wird die Software Perfektionismus gelöscht. Die Dateien von „Gut reicht vollkommen“ sind nicht kompatibel mit Perfektionismus.

Jetzt wird Ernst! Was soll ich tun? Ich spüre meine Angst wieder. Mein Herz pocht. Es spricht zu mir:

Ich will einen neuen Weg einschlagen, einen den ich noch nicht kenne. Einen der sehr viel verspricht. Ich will Fehler machen und daraus lernen. Ich will endlich starten. Ich will nicht mehr warten, bis alles perfekt ist. Ich will meinen Perfektionismus ablegen.

Ich weiß jetzt, dass ich meinem Herzen folgen muss. Oder es wird mich für immer daran erinnern. In alle Situationen meines Lebens.

Perfektionismus spielt mir noch einmal Bildern, die mir Katastrophen, Scheitern, Misserfolge und finanzielles Desaster suggerieren, wenn ich ihn lösche.

Dann erscheint ein Hilfe-Button in meinem Kopf:

Your Dream might  start here!

und darunter:

jetzt installieren!

Ich nehme meiner ganzen Mut zusammen, schaue meiner Angst direkt ins Gesicht, lächle kurz, und dann, ja dann klicke ich aus Überzeugung auf:

Jetzt installieren.

Ich habe es geschafft! Ich habe meinen Perfektionismus abgelegt: Mein Blog ist online!